Voll des Lobes

Vierundzwanzig Unterrichtsstunden von vier Lehrenden an australischen Musikhochschulen untersuchte Katie Zhukov, wobei es ihr in erster Linie um die Identifizierung und anteilsmäßige Quantifizierung von Lehrverhaltenskategorien ging. Zugleich untersuchte Sie auch mögliche genderabhängige Unterschiede und kam dabei zu interessanten Ergebnissen. Interessant ist beispielsweise, dass das Vorspielen durch den Lehrenden vom zeitlichen Umfang den breitesten Raum in den jeweiligen Unterrichtsstunden einnahm und damit zur vorherrschenden Lehrstrategie der beteiligten Lehrenden erklärt werden konnte. Ihre Ergebnisse zeigen auch, dass die Hochschullehrenden großzügig mit dem Loben von Studierenden umgehen, über 80% ihres Feedbacks ist positives Feedback.

Zentrale Ergebnisse zeigten sich insbesondere aus der Genderperspektive: Lehrende, sowohl weibliche als auch männliche, äußerten gegenüber männlichen Studierenden mehr spezifisches Lob und spezifische Kritik als gegenüber weiblichen Studierenden. Zudem waren es die männlichen Lehrenden, die in den Kategorien Allgemeine Anweisungen und Erklärungen höhere Anteile am Unterrichtsprozess zeigten, was Katie Zhukov dazu veranlasste, den männlichen Lehrenden einen eher autoritären Unterrichtsansatz nahe zu legen.

Aus Sicht eines kognitiven Zugangs zum Instrumentalunterricht zeigte sich, dass Erklärungen durch Lehrende in der jeweiligen Unterrichtssituation eher weniger präsent waren, dominierten doch am meisten das Lehrendenvorspiel, die Abgabe von verschiedenen Feedbacks sowie diverse Fragestellungen (in dieser Reihenfolge). Jedoch zeigten sich auch bei den wenigen Erklärungen, die abgegeben wurden Geschlechterunterschiede, da diese bei weiblichen Lehrenden eher anzutreffen waren.

Enttäuschend waren für Katie Zhukov – und nicht nur für sie – die insgesamt spärlichen Ergebnisse zum Bereich des Übens am Instrument: Weibliche Lehrende zeigten dabei mehr Interesse an Diskussionen zu Übestrategien mit ihren Studierenden, aber insgesamt fällt sowohl den Damen als auch den Herren nicht viel mehr ein, als ihren Studierenden zu empfehlen, mehr und langsamer zu üben.

Zhukov, K. (2012). Teaching strategies and gender in higher education instrumental studios. International Journal of Music Education, 30(1), 32–45. doi:10.1177/0255761411431392

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8 Kommentare zu Voll des Lobes

  1. Elke Wörndle sagt:

    Gerne hätte ich den Artikel gelesen, wenn er gratis zur Verfügung gestanden hätte. Neben den Ergebnissen hätte mich vor allem interessiert, unter welchen Bedingungen die Beobachtungen gemacht wurden, bzw. ob dadurch, insbesondere durch das Wissen um Beobachtung, eine Beeinflussung der Probanden, etwa hinsichtlich des Vorspiels des Lehrenden oder des Lobes von Schülern (beides würde ein gutes Licht auf den Lehrenden werfen), erfolgt sein könnte.
    Jedoch scheint mir ein Rahmen von nur 4 Lehrern in Australien in keiner Weise signifikant bzw. ausreichend für wissenschaftliche Schlussfolgerungen und Generalisierungen. v.a. aus diesem Grund habe ich mich gegen den Kauf des Artikels entschieden.

    • Jörg Maria Ortwein sagt:

      Das würde ich nicht ganz so sehen. Der offensichtliche Unterschied von qualitativer und quantitativer Forschung ist auf den ersten Blick die Anzahl der verwendeten Fallzahlen. Da das Forschungsmaterial (Interviews, Videotranskribtionen etc.) aufgrund der qualitativen Erhebung auf den Probanden bezogen wesentlich umfangreicher und detailgenauer ist, ist es sehr schwer realisierbar, hier mit großen Fallzahlen zu operieren. Insbesondere die Güte der erhobenen Daten erfordert dies in vielen Fällen auch nicht.

      Die Qualitative Forschung hat sich insbesondere in Europa in den letzten Jahren zu einem wichtigen Forschungszweig entwickelt. Zusätzliche Informationen bspw. unter http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs.

      • Elke Wörndle sagt:

        „…die Güte der erhobenen Daten erfordert dies in vielen Fällen auch nicht…“ ?
        das kann ich leider nicht nachvollziehen, wenn ich davon ausgehe, dass Sie, Herr Ortwein, entsprechend Ihrer Einleitung von nur 4 Lehrenden ausgehen.
        Keine Datengüte der Welt könnte daraus ein wissenschaftliches Ergebnis deskriptiver, geschweigedenn prädiktiver Natur ableiten.
        ABER: Nach Einsicht des vollständigen Artikels, meine ich verstanden zu haben, dass es sich immerhin um JE 4 Lehrende aus 3 versch. Instrumentengruppen (Klavier, Holzbläser, Streicher) handelt; also 12 Lehrende, bzw. je 2 Lehrerinnen und Lehrer aus jeder Instrumentengruppe, mit je einem Studenten und einer Studentin aus der eigenen Klasse. (S. 6, Method)
        Allerdings bleibt unerwähnt, ob die Lehrenden von den Absichten der Studie wussten, oder aber bewusst in die Irre geführt wurden. (etwa mit der Behauptung, es ginge um eine Dokumentation der Studierenden)
        Aber selbst im letzteren Falle darf die Rückwirkung der Videokamera als Untersuchungsmedium bei der Auswertung der Daten nicht unberücksichtigt bleiben. Mein Verdacht, dass Eitelkeit eine Rolle gespielt haben könnte, bleibt bestehen.
        Die Autorin bleibt jede Erklärung schuldig, warum in ihrer Studie das Lehrervorspiel dominierte, während drei älterer Untersuchungen (Sogin & Vallentine 1992, Speer 1994, Colprit 2000) darin übereinstimmten, dass das Schülervorspiel vorrangig war.
        Stattdessen stellt sie verallgemeinernd fest, dass Lehrervorspiel im Unterricht fortgeschrittener Schüler wichtig sei. Diese Verallgemeinerung ist aufgrund der vorliegenden Daten m.E. Wunschdenken und im wissenschaftlichen Rahmen absolut illegitim.
        Außerdem verschleiert die Studie das Geschlechterverhältnis, indem sie zwar das Verhalten aller Lehrenden nach Gender ebenso untersucht wie das Verhalten aller Lehrenden gegenüber allen Studiernden nach Gender, aber keine Beziehung zwischen diesen Mengen herstellt. (Loben männliche Lehrende weibliche Stundenten mehr, während umgekehrt männliche Studenten eher von weiblichen Lehrerinnen gelobt werden?)
        (Seite 8, Table 2)
        Und spätestens wenn Frau Zhukov von den Ergebnissen zur Übepraxis als „enttäuschend“ spricht, muss ich diesem Artikel seinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit absprechen.
        Mag sein, dass MEIN Anspruch an die (vermeintlich) objektive Wissenschaftlichkeit veraltet ist, aber auch eine qualitative Studie muss, um wissenschaftlich zu bleiben, nicht nur nachvollziehbar, sondern auch reproduzierbar sein und auf subjektive Interpretationen verzichten.
        Auch in der Soziologie.
        Und so lässt diese Arbeite KEINERLEI Schlüsse zu, bis auf den, dass die Soziologie womöglich im Rahmen der Entdeckung neuer, qualitativer Methoden eher Gefahr läuft sich zu verlaufen, als andere Wissenschaften.

  2. Maria sagt:

    Die Ergebnisse sind nicht besonders überraschend. Ich wette es würde sehr ähnlich im Konservatorium ausfallen. Was ich weder als positiv noch negativ bewerten kann.
    In fernöstlichen Länder ist das auch sehr ähnlich, da wird es auch im Vordergrund durch Beispiel des Meisters und lange Nachmachen des Schülers gelernt.
    Im besten Fall sollte durch Analyse des Schülers in seinem Verstand zu einem Erkenntnis kommen, daraus Schlüsse gezogen werden können, aus welchem die Antwort auf die Frage „Wie übe ich“ selbstverständlich wird.

    Die Auswahl des Unterrichtmethode muss von dem Lehrer je nach Schöler gekonnt ausgewählt werden.

  3. Rebecca Sirikow sagt:

    Das Verhalten der Lehrenden ist natürlich immer unterschiedlich je nach Persönlichkeit / Geschlecht / Zusprechung von Wichtigkeit bestimmter Themen etc. .
    Was mich sehr überrascht, ist, dass die meiste Zeit der Unterrichtsstunden vom Vorspielen durch den Lehrenden eingenommen wurde. Diese Erfahrung habe ich persönlich jetzt noch nicht gemacht. Ich musste mir meine Stücke eigentlich immer selbst erarbeiten und es wurden spezifische Verbesserungsvorschläge geäußert oder höchstens einzelne kleine Passagen vorgesungen, aber nie so, dass es die meiste Zeit weggenommen hätte. Nur in dem Fall, dass ich gar nicht verstanden habe, wie der Lehrende seinen Verbesserungsvorschlag nun meint, sang er mir vor. Zumal die Imitation des Lehrers meiner Meinung nach auch nicht Ziel des Unterrichts bzw. des Studierens sein sollte, sondern die individuelle Entwicklung. Vorspielen kann hilfreich sein, sollte aber meiner Meinung nach nicht den Unterricht dominieren.
    Wo ich zustimmen kann, ist bei der Erkenntnis über das positive Feedback in den Stunden (über 80 %). Das ist bei mir auch so. Ich bekomme viel Lob. Allerdings sagt mir mein Lehrer trotzdem immer, wenn ich etwas nicht gut mache oder nicht sinnvoll ausführe. Da kann er durchaus sehr direkt werden, was ich auch als gut und wichtig empfinde.
    Bei der Enttäuschung über das mangelnde Interesse bei Lehrenden an konkreter Aufstellung von Übestrategien, kann ich teilweise zustimmen. Allgemein kümmern sich die Lehrer schon um Übestrategien, allerdings nicht so detailliert wie man es sich manchmal wünscht. Oft muss man erst nachfragen, damit man eine detailliertere Version bekommt. Das sollte durchaus etwas weiter ausgebaut werden.

  4. Christian K. sagt:

    Sehr interessanter Artikel der viel Wahres beinhaltet. Die Erfahrung allerdings, dass die meiste Zeit des Unterrichts durch das Vorspielen des Lehrerers verwendet wird, hab ich in meiner bisherigen Karriere als Musikschüler nicht feststellen können.
    Was aber das Feedback und die Tipps für das richtige Üben betrifft, kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ich denke Lehrenden, denen es in Ihren früheren Zeiten als Studenten stets leicht(er) gefallen ist zu üben, haben nie sehr viel Energie darauf „verschwendet“ verschiedene Übemethoden zu versuchen bzw. zu entwickeln. Daher fällt es ihnen vielleicht auch schwerer das weiterzugeben.

    Bezüglich den klaren Anweisungen & Erklärungen, die bei männlichen Lehrenden höher sein soll, stimme ich auf jeden Fall zu. Ich denke Männer sind einfach so gestrickt, dass sie ein Problem erkennen und es dann lösen möchten und dies mit soviel nützlichen (oder auch nicht 😉 Anweisungen machen wie möglich. Wie ich in einem Artikel küzrlich gelesen habe, sind zB Studentinnen im Unterricht auch mehr auf den persönlichen, herzlichen Umgang mit der Lehrperson (egal ob männlich/weiblich) aus, als das Studenten tun. Ich denke das kann man auch gut auf männliche und weibliche Lehrer umlegen.

  5. Alina sagt:

    Obwohl dieser Artikel mir nicht unbedingt sehr überraschende oder unbekannte Einsichten vermittelte, fand ich ihn doch sehr interessant und es haben mich einige der beschriebenen Unterrichtsstile oder -anteile angesprochen.
    Mir persönlich ist das Vorspielen meines Lehrers sehr wichtig und ich empfinde es oft als hilfreich, doch hält er sich oft zurück, um meine eigene Interpretation und meinen indivuellen Klang zu fördern. Da steht dann doch die Reflexion/das Feedback und die spezifischen Fragen im Vordergrund, mithilfe derer wir die Art und Weise, wie man eine bestimmte Phrase z.B. spielen kann, gemeinsam erörtern und ich dadurch die Möglichkeit bekomme, meine eigenen Vorstellungen auszuprobieren.

    Ein weiteres zentrales und überaus wichtiges Thema, ist das Üben. Im Endeffekt laufen alle Erklärungen, Beispielen und Variationen des Gespielten daraufhinaus, ein Übemodell zu finden, dass für mich (in diesem Fall) passt, da die meiste Arbeit und der größte Fortschritt einfach beim Üben passiert.

    Bis jetzt habe ich persönlich noch keinen Unterschied bemerkt, wenn ich von einer weiblichen oder einer männlichen Lehrperson unterrichtet wurde. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass jede/r ganz eigene persönliche Eigenschaften hat und auf diese im Unterricht Wert legt.

  6. M. Vauti sagt:

    Genderspezifische Unterschiede wären mir persönlich bis jetzt noch nie aufgefallen. Man muss sich allerdings auch hier fragen, ob diese Unterschiede tatsächlich da waren, oder ob die männlichen Studenten im Rahmen dieser Kleinststudie einfach erfolgreicher waren.
    Auch dass das Vorspielen die meiste Zeit des Unterrichtes einnimmt, finde ich absolut nicht schlimm. Lernen nicht viele am besten durch die Spiegelmethode? Hier wäre es interessant zu wissen, ob diese „Meister-Schüler-Methode“ in allen Stunden so vorherrschend war, oder ob es diese Methode lediglich bei Studenten gab, die damit am Besten lernen. Vorspielen heißt ja oft nicht, dass der Schüler 1:1 dasselbe machen soll, wie der Lehrer, dieser zeigt ihm damit nur eine Richtung bzw. eine Interpretationsmöglichkeit.
    Genauere Daten würden mich sehr interessieren, da das ganze doch nach starker Pauschalisierung klingt.

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